Fünfter sein
Wien.
Rudolfsplatz.
Vor dem braunen Holztor
zur Adresse Rudolfsplatz Nr. 3
haben Kinder mit Kreide
Himmel und Hölle
auf den Asphalt gemalt.
Ein Kind hüpft
auf einem Bein.
Die Mutter des Kindes
lehnt an den zu einem Stapel
getürmten Sesseln des
Steirer Platzls.
Zwei alte Damen
mit Perlenketten nähern
sich dem Tor,
vor dem schon zwei alte Herren
in Anzügen stehen.
Erste alte Dame
Wohin, sagst du?
Zweite alte Dame
Ägypten.
Erste alte Dame
Schön!
Die beiden Damen
bleiben vor dem braunen Tor stehen.
Der erste alte Herr
Ja küss die Hand,
gnä´ Frau!
Der zweite Herr
Na? Geht´s wieder los
mit uns alten Eisen?
tür auf
einer raus
einer rein
Zweite alte Dame
Ja, das wird auch Zeit,
dass man uns nach diesen
Entbehrungen endlich
wieder die Freiheit gibt,
die uns zusteht.
tür auf
einer raus
einer rein
Die erste alte Dame
blickt missbilligend auf
die Kreidezeichnung.
Erste alte Dame
Die Jugend von heute.
tür auf
einer raus
eine rein
Zweite alte Dame
Na, Kleines?
Das Kind hüpft
und blickt auf.
Zweite alte Dame
Wohin fahrt ihr denn auf Urlaub?
Das Kind blickt die
alte Dame stumm an.
tür auf
eine raus
eine rein
Erste alte Dame
Ägypten!
tür auf
eine raus
Die beiden alten Damen
stolzieren über den Rudolfsplatz.
Das Kind läuft zu seiner Mutter
Kind
Mama!
Wohin fahren wir
heuer auf Urlaub?
Die Mutter seufzt.
Sie nimmt einen Kieselstein
und wirft ihn auf die weiße Linie
zwischen Himmel und Hölle.
Das Kind hüpft.
Kein Wind.
Kein Staub.
Hob.I/69: 2. Un poco adagio più tosto andante
(09.05.2021)